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  mir vielmehr mit Behagen zu Gemüthe führte, wird jeder fühlende
   Mensch billigen.
  Ich habe vom Gott der Pantheisten geredet, aber ich kann nicht
   umhin zu bemerken, daß er im Grunde gar kein Gott ist, sowie über-
5  haupt die Pantheisten eigentlich nur verschämte Atheisten sind, die
   sich weniger vor der Sache, als vor dem Schatten, den sie an die
   Wand wirft, vor dem Namen, fürchten. Auch haben die meisten in
   Deutschland während der Restaurazionszeit mit dem lieben Gotte
   dieselbe fünfzehnjährige Comödie gespielt, welche hier in Frank-
10  reich die konstituzionellen Royalisten, die größten Theils im Herzen
   Republikaner waren, mit dem Königthume spielten. Nach der Julius-
   Revoluzion ließ man jenseits wie diesseites des Rheines die Maske
   fallen. Seitdem, besonders aber nach dem Sturz Ludwig Philipps, des
   besten Monarchen der jemals die konstituzionelle Dornenkrone
15  trug, bildete sich hier in Frankreich die Meinung: daß nur zwey
   Regierungsformen, das absolute Königthum und die Republik, die
   Kritik der Vernunft oder der Erfahrung aushielten, daß man Eins von
   beiden wählen müsse, daß alles dazwischen liegende Mischwerk
   unwahr, unhaltbar und verderblich sey. In derselben Weise tauchte
20  in Deutschland die Ansicht auf, daß man wählen müsse zwischen der
   Religion und der Philosophie, zwischen dem geoffenbarten Dogma
   des Glaubens und der letzten Consequenz des Denkens, zwischen
   dem absoluten Bibelgott und dem Atheismus.
  Je entschiedener die Gemüther, desto leichter werden sie das
25  Opfer solcher Dilemmen. Was mich betrifft, so kann ich mich in der
   Politik keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bey
   denselben demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend
   huldigte und für die ich seitdem immer flammender erglühte. In der
   Theologie hingegen muß ich mich des Rückschreitens beschuldigen,
30  indem ich, was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglau-
   ben, zu einem persönlichen Gotte, zurückkehrte. Das läßt sich nun
   einmal nicht vertuschen, wie es mancher aufgeklärte und wohlmei-
   nende Freund versuchte. Ausdrücklich widersprechen muß ich
   jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur
35  Schwelle irgend einer Kirche oder gar in ihren Schooß geführt. Nein,
   meine religiösen Ueberzeugungen und Ansichten sind frey geblieben
   von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine
   Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt
   und meiner Vernunft nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschwo-
40  ren, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich
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