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| | | __Je mehr aber der Haß sie von außen bedrängte, desto inniger und |
| | | traulicher wurde das Dhäusliche Zusammenleben, desto tiefer wur- |
| 5 | | zelte die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacherach. |
| | | Ein Muster gottgefälligen Wandels war der dortige Rabiner, genannt |
| | | Rabbi Abraham, ein noch jugendlicher Mann, der aber weit und breit |
| | | wegen seiner Gelahrtheit berühmt war. Er war geboren in dieser |
| | | Stadt, und sein Vater, der dort ebenfalls Rabiner gewesen, hatte ihm |
| 10 | | in seinem letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen |
| | | und Bacherach nie zu verlassen, es seye denn wegen Lebensgefahr. |
| | | Dieser Befehl und ein Schrank mit seltenen Büchern war alles was |
| | | sein Vater, der bloß in Armuth und Schriftgelahrtheit lebte, ihm hin- |
| | | terließ. Dennoch war Rabbi Abraham ein sehr reicher Mann; verheu- |
| 15 | | rathet mit der einzigen Tochter seines verstorbenen Vaterbruders, |
| | | welcher den Juvelenhandel getrieben, erbte er dessen große Reich- |
| | | thümer. Einige Fuchsbärte in der Gemeinde deuteten darauf Dhin, als |
| | | wenn der Rabbi eben des Geldes wegen seine Frau geheurathet habe. |
| | | Aber sämmtliche Weiber widersprachen und wußten alte Geschich- |
| 20 | | ten zu erzählen: wie der Rabbi, schon vor seiner Reise nach Spanien, |
| | | verliebt gewesen in Sara – man hieß sie eigentlich die schöne Sara – |
| | | und wie Sara sieben Jahre warten mußte, bis der Rabbi aus Spanien |
| | | zurückkehrte, indem er sie gegen den Willen ihres Vaters und selbst |
| | | gegen ihre eigne Zustimmung durch den Trau-Ring geheurathet |
| 25 | | hatte. Jedweder Jude nemlich kann ein jüdisches Mädchen zu seinem |
| | | rechtmäßigen Eheweibe machen, wenn es ihm gelang ihr einen Ring |
| | | an den Finger zu stecken und dabey die Worte zu sprechen: »ich |
| | | nehme dich zu meinem Weibe nach den Sitten von Moses und |
| | | Israel!« Bey der Erwähnung Spaniens pflegten die Fuchsbärte auf |
| 30 | | eine ganz eigne Weise zu lächeln; und das geschah wohl wegen eines |
| | | dunkeln Gerüchts, Ddaß Rabbi Abraham auf der hohen Schule zu |
| | | Toledo zwar emsig genug das Studium des göttlichen Gesetzes |
| | | getrieben, aber auch christliche Gebräuche nachgeahmt und freygei- |
| | | stige Denkungsart eingesogen habe, gleich jenen spanischen Juden, |
| 35 | | die damals auf einer außerordentlichen Höhe der Bildung standen. |
| | | Im Innern ihrer Seele aber glaubten jene Fuchsbärte sehr wenig an |
| | | die Wahrheit des angedeuteten Gerüchts. Denn überaus rein, fromm |
| | | und ernst war seit seiner Rückkehr aus Spanien die Lebensweise des |
| | | Rabbi, die kleinlichsten Glaubensgebräuche übte er mit ängstlicher |
| 40 | | Gewissenhaftigkeit, alle Montag und Donnerstag pflegte er zu |